{"id":1174,"date":"2009-03-30T23:15:35","date_gmt":"2009-03-30T21:15:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.institut-halbach.de\/blog\/?p=1174"},"modified":"2009-03-30T23:15:35","modified_gmt":"2009-03-30T21:15:35","slug":"was-ist-aufklarung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/2009\/03\/30\/was-ist-aufklarung\/","title":{"rendered":"Was ist Aufkl\u00e4rung?"},"content":{"rendered":"<p><!--more-->&#8222;<em>Denn da\u00df die Vorm\u00fcnder des Volks (in geistlichen Dingen) selbst wieder unm\u00fcndig sein sollen, ist eine Ungereimtheit, die auf Verewigung der Ungereimtheiten hinausl\u00e4uft.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Wie man sieht hat Kant in genialer Weise die Verewigung unserer Schw\u00e4chen, Triebe und M\u00e4ngel schon analysiert und aufgeschrieben. Dem ist sicher nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Wohl alle Ursachen unserer Dummheiten, Einfalt und Naivit\u00e4t, sowie die daraus resultierenden unz\u00e4hligen Misserfolge und blinden Aktionen lassen sich auf die folgenden Zeilen reduzieren.<\/p>\n<p><strong>Beantwortung der Frage: Was ist Aufkl\u00e4rung?<\/strong><br \/>\nImmanuel Kant<\/p>\n<p>Aufkl\u00e4rung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unm\u00fcndigkeit. Unm\u00fcndigkeit ist das Unverm\u00f6gen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unm\u00fcndigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschlie\u00dfung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so gro\u00dfer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur l\u00e4ngst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unm\u00fcndig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vorm\u00fcndern aufzuwerfen. <span style=\"color: #ff0000;\">Es ist so bequem, unm\u00fcndig zu sein<\/span>. Habe ich ein Buch, das f\u00fcr mich Verstand hat, einen Seelsorger, der f\u00fcr mich Gewissen hat, einen Arzt, der f\u00fcr mich die Di\u00e4t beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bem\u00fchen. Ich habe nicht n\u00f6tig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrie\u00dfliche Gesch\u00e4ft schon f\u00fcr mich \u00fcbernehmen. Da\u00df der bei weitem gr\u00f6\u00dfte Teil der Menschen (darunter das ganze sch\u00f6ne Geschlecht) den Schritt zur M\u00fcndigkeit, au\u00dfer dem da\u00df er beschwerlich ist, auch f\u00fcr sehr gef\u00e4hrlich halte: daf\u00fcr sorgen schon jene Vorm\u00fcnder, die die Oberaufsicht \u00fcber sie g\u00fctigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgf\u00e4ltig verh\u00fcteten, da\u00df diese ruhigen Gesch\u00f6pfe ja keinen Schritt au\u00dfer dem G\u00e4ngelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so gro\u00df nicht, denn sie w\u00fcrden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch sch\u00fcchtern und schreckt gemeinhin von allen ferneren Versuchen ab.<\/p>\n<p>Es ist also f\u00fcr jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unm\u00fcndigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar lieb gewonnen und ist vor der Hand wirklich unf\u00e4hig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen lie\u00df. <span style=\"color: #ff0000;\">Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vern\u00fcnftigen Gebrauchs oder vielmehr Mi\u00dfbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fu\u00dfschellen einer immerw\u00e4hrenden Unm\u00fcndigkeit. <\/span>Wer sie auch abw\u00fcrfe, w\u00fcrde dennoch auch \u00fcber den schmalsten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gew\u00f6hnt ist. Daher gibt es nur Wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unm\u00fcndigkeit heraus zu wickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.<\/p>\n<p>Da\u00df aber ein Publikum sich selbst aufkl\u00e4re, ist eher m\u00f6glich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit l\u00e4\u00dft, beinahe unausbleiblich. Denn da werden sich immer einige Selbstdenkende sogar unter den eingesetzten Vorm\u00fcndern des gro\u00dfen Haufens finden, welche, nachdem sie das Joch der Unm\u00fcndigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vern\u00fcnftigen Sch\u00e4tzung des eigenen Werts und des Berufs jedes Menschen selbst zu denken um sich verbreiten werden. Besonders ist hierbei: da\u00df das Publikum, welches zuvor von ihnen unter dieses Joch gebracht worden, sie danach selbst zwingt darunter zu bleiben, wenn es von einigen seiner Vorm\u00fcnder, die selbst aller Aufkl\u00e4rung unf\u00e4hig sind, dazu aufgewiegelt worden; so sch\u00e4dlich ist es Vorurteile zu pflanzen, weil sie sich zuletzt an denen selbst r\u00e4chen, die oder deren Vorg\u00e4nger ihre Urheber gewesen sind. Daher kann ein Publikum nur langsam zur Aufkl\u00e4rung gelangen. <span style=\"color: #ff0000;\">durch eine Revolution wird vielleicht wohl ein Abfall von pers\u00f6nlichem Despotismus und gewinns\u00fcchtiger oder herrschs\u00fcchtiger Bedr\u00fcckung, aber niemals wahre Reform der Denkungsart zustande kommen; sondern neue Vorurteile werden ebensowohl als die alten zum Leitbande des gedankenlosen gro\u00dfen Haufens dienen.<\/span><\/p>\n<p>Zu dieser Aufkl\u00e4rung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unsch\u00e4dlichste unter allem, was nur Freiheit hei\u00dfen mag, n\u00e4mlich die: von seiner Vernunft in allen St\u00fccken \u00f6ffentlichen Gebrauch zu machen. Nun h\u00f6re ich aber von allen Seiten rufen: r\u00e4sonniert nicht! Der Offizier sagt: r\u00e4sonniert nicht, sondern exerziert! Der Finanzrat: r\u00e4sonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: r\u00e4sonniert nicht, sondern glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: r\u00e4sonniert, so viel ihr wollt, und wor\u00fcber ihr wollt; aber gehorcht!) Hier ist \u00fcberall Einschr\u00e4nkung der Freiheit. Welche Einschr\u00e4nkung aber ist der Aufkl\u00e4rung hinderlich? welche nicht, sondern ihr wohl gar bef\u00f6rderlich? &#8211; Ich antworte: der \u00f6ffentliche Gebrauch seiner Vernunft mu\u00df jederzeit frei sein, und der allein kann Aufkl\u00e4rung unter Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf \u00f6fters sehr enge eingeschr\u00e4nkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufkl\u00e4rung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter dem \u00f6ffentlichen Gebrauch seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten b\u00fcrgerlichen Posten oder Amte von seiner Vernunft machen darf. Nun ist zu manchen Gesch\u00e4ften, die in das Interesse des gemeinen Wesens laufen, ein gewisser Mechanism notwendig, vermittels dessen einige Glieder des gemeinen Wesens sich blo\u00df passiv verhalten m\u00fcssen, um durch eine k\u00fcnstliche Einhelligkeit von der Regierung zu \u00f6ffentlichen Zwecken gerichtet, oder wenigstens von der Zerst\u00f6rung dieser Zwecke abgehalten zu werden. Hier ist es nun freilich nicht erlaubt, zu r\u00e4sonnieren; sondern man mu\u00df gehorchen. So fern sich aber dieser Teil der Maschine zugleich als Glied eines ganzen gemeinen Wesens, ja sogar der Weltb\u00fcrgergesellschaft ansieht, mithin in der Qualit\u00e4t eines Gelehrten, der sich an ein Publikum im eigentlichen Verstande durch Schriften wendet: kann er allerdings r\u00e4sonnieren, ohne da\u00df dadurch die Gesch\u00e4fte leiden, zu denen er zum Teile als passives Glied angesetzt ist. So w\u00fcrde es sehr verderblich sein, wenn ein Offizier, dem von seinen Oberen etwas anbefohlen wird, im Dienste \u00fcber die Zweckm\u00e4\u00dfigkeit oder N\u00fctzlichkeit dieses Befehls laut vern\u00fcnfteln wollte; er mu\u00df gehorchen. Es kann ihm aber billigerma\u00dfen nicht verwehrt werden, als Gelehrter \u00fcber die Fehler im Kriegesdienste Anmerkungen zu machen und diese seinem Publikum zur Beurteilung vorzulegen. Der B\u00fcrger kann sich nicht weigern, die ihm auferlegten Abgaben zu leisten; sogar kann ein vorwitziger Tadel solcher Auflagen, wenn sie von ihm geleistet werden sollen, als ein Skandal (das allgemeine Widersetzlichkeiten veranlassen k\u00f6nnte) bestraft werden. Eben derselbe handelt demungeachtet der Pflicht eines B\u00fcrgers nicht entgegen, wenn er als Gelehrter wider die Unschicklichkeit oder auch Ungerechtigkeit solcher Ausschreibungen \u00f6ffentlich seine Gedanken \u00e4u\u00dfert. Ebenso ist ein Geistlicher verbunden, seinen Katechismussch\u00fclern und seiner Gemeinde nach dem Symbol der Kirche, der er dient, seinen Vortrag zu tun; denn er ist auf diese Bedingung angenommen worden. Aber als Gelehrter hat er volle Freiheit, ja sogar den Beruf dazu, alle seine sorgf\u00e4ltig gepr\u00fcften und wohlmeinenden Gedanken \u00fcber das Fehlerhafte in jenem Symbol und Vorschl\u00e4ge wegen besserer Einrichtung des Religions- und Kirchenwesens dem Publikum mitzuteilen. Es ist hiebei auch nichts, was dem Gewissen zur Last gelegt werden k\u00f6nnte. Denn was er infolge seines Amts als Gesch\u00e4fttr\u00e4ger der Kirche lehrt, das stellt er als etwas vor, in Ansehung dessen er nicht freie Gewalt hat nach eigenem Gutd\u00fcnken zu lehren, sondern das er nach Vorschrift und im Namen eines anderen vorzutragen angestellt ist. Er wird sagen: unsere Kirche lehrt dieses oder jenes; das sind die Beweisgr\u00fcnde, deren sie sich bedient. Er zieht alsdann allen praktischen Nutzen f\u00fcr seine Gemeinde aus Satzungen, die er selbst nicht mit voller \u00dcberzeugung unterschreiben w\u00fcrde, zu deren Vortrag er sich gleichwohl anheischig machen kann, weil es doch nicht ganz unm\u00f6glich ist, da\u00df darin Wahrheit verborgen l\u00e4ge, auf alle F\u00e4lle aber wenigstens doch nichts der inneren Religion Widersprechendes darin angetroffen wird. Denn glaubte er das letztere darin zu finden, so w\u00fcrde er sein Amt mit Gewissen nicht verwalten k\u00f6nnen; er m\u00fc\u00dfte es niederlegen. Der Gebrauch also, den ein angestellter Lehrer von seiner Vernunft vor seiner Gemeinde macht, ist blo\u00df ein Privatgebrauch: weil diese immer nur eine h\u00e4usliche, obwohl noch so gro\u00dfe Versammlung ist; und in Ansehung dessen ist er als Priester nicht frei und darf es auch nicht sein, weil er einen fremden Auftrag ausrichtet. Dagegen als Gelehrter, der durch Schriften zum eigentlichen Publikum, n\u00e4mlich der Welt, spricht, mithin der Geistliche im \u00f6ffentlichen Gebrauche seiner Vernunft genie\u00dft einer uneingeschr\u00e4nkte Freiheit, sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen und in seiner eigenen Person zu sprechen. <span style=\"color: #ff0000;\">Denn da\u00df die Vorm\u00fcnder des Volks (in geistlichen Dingen) selbst wieder unm\u00fcndig sein sollen, ist eine Ungereimtheit, die auf Verewigung der Ungereimtheiten hinausl\u00e4uft.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,34],"tags":[105,705],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1174"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1174"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1174\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1174"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1174"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1174"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}