{"id":1239,"date":"2009-05-19T15:49:42","date_gmt":"2009-05-19T13:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.institut-halbach.de\/blog\/?p=1239"},"modified":"2009-05-19T15:49:42","modified_gmt":"2009-05-19T13:49:42","slug":"wo-liegt-das-okologische-problem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/2009\/05\/19\/wo-liegt-das-okologische-problem\/","title":{"rendered":"Wo liegt das \u00f6kologische Problem?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Begr\u00fcndung in wasserrechtlicher Erlaubnis mit versch\u00e4ften \u00dcberwachungswerten zumeist nur zu 25 % wahr?<\/strong><\/p>\n<p>Dann n\u00e4mlich, wenn Beh\u00f6rden das Gew\u00e4sser monokausal verstehen und sich gerne etwas Versch\u00e4rfung w\u00fcnschen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Monokausal &#8211; d.h. um es zu veranschaulichen &#8211; w\u00e4re z.B. ein Radio mit nur einem Knopf f\u00fcr die Lautst\u00e4rke und damit m\u00f6chte man dann Musik machen.<\/p>\n<p>Gew\u00e4sser sind aber polykausale \u00d6kosysteme. Also Radios mit einer Vielzahl von Kn\u00f6pfen, wobei die Wasserrahmenrichtlinie es den Beh\u00f6rden leicht gemacht und dem Instrument nur 4 Stellkn\u00f6pfe zum daran herumspielen geschenkt hat, n\u00e4mlich (siehe auch die Anlage):<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Biologische Komponenten<\/strong><\/li>\n<li><strong>Hydromorphologische Komponenten<\/strong><\/li>\n<li><strong>Chemische und physikalisch-chemische Komponenten <\/strong><\/li>\n<li><strong>Spezifische Schadstoffe<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Momentan &#8211; von erfreulichen Ausnahmen mal abgesehen &#8211; dreht man immer noch am 3. Knopf. Wohl weil der vor der Einf\u00fchrung der WRRL schon da war und au\u00dferdem hat man bei diesem Knopf gleich jemanden der aufheult, was die Musik so sch\u00f6n abwechslungsreich macht.<\/p>\n<p>An dem Knopf mit der Aufschrift &#8222;Hydromorphologische Komponenten&#8220; zu drehen w\u00e4re richtig dumm, denn hinter dem Knopf sitzt nur selten Jemand der bezahlt, wenn am Knopf gedreht wird.<\/p>\n<p>Eine h\u00e4ufige Floskel, die besonders in jenen wasserrechtlichen Erlaubnissen zu finden ist, die eine Versch\u00e4rfung der \u00dcberwachungswerte &#8211; verbunden mit einer deutlichen Kostensteigerung &#8211; zu begr\u00fcnden versucht, lautet:<\/p>\n<p>&#8222;Auf der Grundlage der Forderungen der Wasserrahmenrichtlinie ist es notwendig, dass&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Das Problem besteht nun darin, dass jene Forderungen der Wasserrahmenrichtlinie, die zu einer Entsch\u00e4rfung der \u00dcberwachungswerte f\u00fchren, von den Beh\u00f6rden zumeist ignoriert werden, wie z.B. das Spielen von Musik mit einem Radio, an dem alle 4 Kn\u00f6pfe wenigstens gut eingestellt sein sollten.<\/p>\n<p>Das Gew\u00e4sser wird aber v\u00f6llig naturfremd und unwissenschaftlich als monokausales (wasserchemisches) Erkl\u00e4rungsmodell verstanden. Dabei flie\u00dft \u00f6kologisches Grundlagenwissen nicht einmal im Ansatz in die Bewertung, wie zahlreiche laienhafte &#8222;\u00f6kologische&#8220; Zustandsbewertungen beweisen. Ich sammle seit Jahren derartige Kuriosa.<\/p>\n<p>Die \u00d6kologie spielt nur ausnahmsweise beim deutschen Gew\u00e4sserschutz ein Rolle. Eine wesentliche Ursache scheint die mangelhafte Unterbesetzung der Beh\u00f6rden mit \u00d6kologen zu sein. Es mag sein, dass es \u00d6kologen gibt. Aber seit 1989 habe ich nicht feststellen k\u00f6nnen, dass diese Experten eine beachtliche Rolle spielen durften. Dagegen kann man eine Vielzahl von \u00f6kologischen Frustrationsschriften zur Kenntnis nehmen, sofern dies des Lesers Weltbild nicht st\u00f6rt.<\/p>\n<p>Was gut und schlecht ist, l\u00e4sst sich h\u00e4ufig auf menschliche willk\u00fcrliche Bewertungen zu Gunsten oder zu Ungunsten bestimmter Arten in \u00d6kossystemen zur\u00fcckf\u00fchren.<\/p>\n<p>Oft werden auch die Konsequenzen solcher Bewertungen f\u00fcr die Artenvielfalt und Populationsdichte nicht \u00fcberblickt, wenn der \u00f6kologische Sachverstand fehlt.<\/p>\n<p>Besonders markant sind dagegen die \u00c4u\u00dferungen des renommierten Wissenschaftlers Prof. Steinberg, der zu Recht moniert, dass sich die Limnologie v\u00f6llig neben ihre \u00f6kologische Basis stellt.<\/p>\n<p>So kam es durch Ma\u00dfnahmen der Gew\u00e4sserreinhaltung zu dramatischen Ver\u00e4nderungen der Tierwelt, wobei fraglich ist, ob das tats\u00e4chlich in jedem Fall so gewollt war.<\/p>\n<p>In der Regel wird in abstrakter Weise vom guten Gew\u00e4sserzustand geredet und der Eindruck vermittelt, der Gew\u00e4sserzustand sei schlecht. Und das ist oft keineswegs der Fall, wie ein Blick auf die Gew\u00e4sserg\u00fctekarten beweist.<\/p>\n<p>Zudem m\u00fcsste Deutschland sich fragen lassen, was es denn die letzten 50 Jahre erreicht hat, wenn nicht einen guten Gew\u00e4sserzustand?<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich hatte ich ein Gespr\u00e4ch mit dem Leiter eines Umweltamtes, der steif und fest behautete, eine Beh\u00f6rde m\u00fcsse den Nutzen &#8211; der aus einer Versch\u00e4rfung der \u00dcberwachungswerte resultiert &#8211; nicht garantieren.<\/p>\n<p>Es sei auch nicht n\u00f6tig die Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit zu achten, die sich aus zus\u00e4tzlichem Nutzen aus der Versch\u00e4rfung und aus den zus\u00e4tzlichen Kosten infolge der Versch\u00e4rfung ergibt.<\/p>\n<p>Ich denke eher, wenn eine Beh\u00f6rde etwas <strong>zus\u00e4tzlich<\/strong> (neben den gesetzlichen Mindesanforderungen) fordert und den Nutzen ihrer Forderung nicht garantieren will, dann handelt sie in der Regel unverantwortlich. In der Regel dann, wenn es m\u00f6glich ist, interdisziplin\u00e4r nachzuweisen, dass der zus\u00e4tzliche Nutzten tats\u00e4chlich notwendig ist und die Aufwendungen daf\u00fcr verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sind.<\/p>\n<p>Mein Ansatz, meine Erfahrung und (nicht nur) meine Auffassung ist deshalb, dass<\/p>\n<ol>\n<li>Ma\u00dfnahmen des Gew\u00e4sserschutzes etwas bewirken m\u00fcssen und dass<\/li>\n<li>diese Ma\u00dfnahmen verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sein m\u00fcssen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit setzt voraus, dass der geforderte Nutzen tats\u00e4chlich eintritt.<\/p>\n<p><strong>Gew\u00e4sserschutz muss konkret sein! <\/strong><\/p>\n<p>Anderenfalls wird er eine Sache des Glaubens und der Beliebigkeit. Beliebige Entscheidungen mit abstrakten Zielen haben &#8211; wie es die Vergangenheit zeigt &#8211; zu enormen Fehlinvestitionen in der kommunalen Wasserwirtschaft gef\u00fchrt. So war die Fesstellung: Abwasser kann auch mit Kleinkl\u00e4ranlagen gereinigt werden keine Erfindung einer Beh\u00f6rde, sondern eine umweltpolitische Notwendigkeit, um etwas Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit in die Wasserwirtschaft zu bringen. Ursache der Fehlentwicklungen war u.a. auch nur der abstrakte Wille der Wasserbeh\u00f6rden endlich etwas Gutes tun zu m\u00fcssen. In der Konsequenz  haben sich z.B. unzweckm\u00e4\u00dfige Abwasserentsorgungsstrukturen herausgebildet, deren Sanierung enorme Steuergelder verschlang oder immer noch verschlingt.<\/p>\n<p>Insofern ist es notwendig, dass die Wasserbeh\u00f6rden durch Nutzwert-Kosten-Analysen beweisen oder beweisen lassen, dass die von ihnen geplanten Versch\u00e4rfungen der \u00dcberwachungswerte tats\u00e4chlich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sind. Hier liegt der absolute Schwerpunkt des Wirtschaftlichkeitsnachweises einer wasserwirtschatflichen Ma\u00dfnahme. Die abwassertechnische Optimerung einer beh\u00f6rdlichen Auflage ist v\u00f6llig bedeutungslos, wenn die Aufage selber fehlerhaft oder unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ist.<\/p>\n<p>Das Eintreten des Nutzens einer Gew\u00e4sserschutzma\u00dfnahme ist also Grundvoraussetzung f\u00fcr die Gew\u00e4hrleistung des Sparsamkeitsprinzips, zu dessen Einhaltung die Beh\u00f6rden und die Kommunen zumindest theoretisch verpflichtet sind.<\/p>\n<p>Gleich zu Beginn eines fachbeh\u00f6rdlichen Gutachtens wird z.B. festgestellt, dass der Oberlauf eines Baches schon kritisch belastet ist (Gew\u00e4sserg\u00fcteklasse II-III). Die Wertung \u201ekritisch belastet&#8220; mag korrekt sein.<\/p>\n<p>Dramatisch ist sie ja nun auch wieder nicht.<\/p>\n<p>Hinsichtlich des guten \u00f6kologischen Zustandes verspricht sie vielmehr ein Optimum an lebendiger Natur, das an der Gew\u00e4hrleistung der Artendiversitit\u00e4t  und der hohen Populationsdichte  (Reichholf) zu erkennen ist.<\/p>\n<p>Ich kann keine Mangel erkennen, wenn es viele Fr\u00f6sche, St\u00f6rche und Wasserv\u00f6gel gibt, die nat\u00fcrlich in sehr sauberen Gew\u00e4ssern keine optimale bzw. gar keine Lebensgrundlage finden und ich erinnere mich noch an die Gew\u00e4sserbegehung des betreffenden Baches bei der aller paar Meter ein Frosch vom Uferrand in den Bach sprang. Mehr Natur war kaum zu w\u00fcnschen.<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Der wertende Blick in die Praxis des Gew\u00e4sserschutzes beweist, dass Ma\u00dfnahmen zur Durchsetzung einer unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen wasserchemischen G\u00fcte geradezu zu einem R\u00fcckgang der Artenvielfalt und Populationsdichte f\u00fchrten, was mit einer Verschlechterung des \u201eguten Gew\u00e4sserzustandes&#8220; verbunden war.<\/p>\n<p>Wo liegt nun das \u00f6kologische Problem?<\/p>\n<p>In der Verwaltung der Gew\u00e4sser m\u00f6chte man feststellen.<\/p>\n<p>_________________________<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Anlage:<\/span><\/p>\n<p><strong>Qualit\u00e4tskomponenten f\u00fcr die Einstufung des \u00f6kologischen Zustands<\/strong><br \/>\n<strong>Hier Fl\u00fcsse<\/strong><br \/>\n<strong>Biologische Komponenten<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Zusammensetzung und Abundanz der Gew\u00e4sserflora,<\/li>\n<li>Zusammensetzung und Abundanz der benthischen wirbellosen Fauna,<\/li>\n<li>Zusammensetzung, Abundanz und Altersstruktur der Fischfauna.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Hydromorphologische Komponenten in Unterst\u00fctzung der biologischen Komponenten<\/strong><\/p>\n<p>Wasserhaushalt:<\/p>\n<ul>\n<li>Abfluss und Abflussdynamik,<\/li>\n<li>Verbindung zu Grundwasserk\u00f6rpern;<\/li>\n<li>Durchg\u00e4ngigkeit des Flusses<\/li>\n<\/ul>\n<p>Morphologische Bedingungen:<\/p>\n<ul>\n<li>Tiefen- und Breitenvariation;<\/li>\n<li>Struktur und Substrat des Flussbetts,<\/li>\n<li>Struktur der Uferzone.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Chemische und physikalisch-chemische Komponenten in Unterst\u00fctzung der biologischen Komponenten<\/strong><\/p>\n<p><strong>Allgemein:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Temperaturverh\u00e4ltnisse<\/li>\n<li>Sauerstoffhaushalt<\/li>\n<li>Salzgehalt<\/li>\n<li>Versauerungszustand<\/li>\n<li>N\u00e4hrstoffverh\u00e4ltnisse<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Spezifische Schadstoffe:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Verschmutzung durch alle priorit\u00e4ren Stoffe, bei denen festgestellt wurde, dass sie in den Wasserk\u00f6rper eingeleitet werden<\/li>\n<li> Verschmutzung durch sonstige Stoffe, bei denen festgestellt wurde, dass sie in signifikanten Mengen in den Wasserk\u00f6rper eingeleitet werden<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auszug: Anhang V  der Richtlinie 2000\/60\/EG des Europ\u00e4ischen Parlaments und des Rates zur Schaffung eines Ordnungsrahmens f\u00fcr Ma\u00dfnahmen der Gemeinschaft im Bereich der Wasserpolitik<strong><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Begr\u00fcndung in wasserrechtlicher Erlaubnis mit versch\u00e4ften \u00dcberwachungswerten zumeist nur zu 25 % wahr? Dann n\u00e4mlich, wenn Beh\u00f6rden das Gew\u00e4sser monokausal verstehen und sich gerne etwas Versch\u00e4rfung w\u00fcnschen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,9,50,21,26,30],"tags":[540,556,557],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1239"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1239"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1239\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlamm.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}